Eigentlich hatte ich nie vor, zu machen, was ich jetzt mache. Angefangen hat es damit, dass ich meinen Job gekündigt habe, weil ich unglücklich war. Ich habe dann einige Zeit verschiedenes gemacht, bis die GAG auf mich zugekommen ist und mir ein Projekt vorgestellt hat, dass sie für super hielten, das aber noch nicht ganz funktionierte: Die Demenz-WG. Ich wusste, ich wollte etwas mit Wohnen im Alter machen, mit Mehrgenerationen-WGs, aber Demenz – mit dem Thema hatte ich gar keine Berührungspunkte. Ich habe trotzdem ein Konzept entwickelt, bei dem die Macht bei den Bewohnern liegt, vertreten durch ihre Angehörigen: Sie mieten als Gruppe die Wohnung und stehen dem Pflegedienst gegenüber. Sie übernehmen einen großen Teil der Verantwortung – ein großer Unterschied zu einem Pflegeheim. Es ist einfach etwas anderes,  beim Besuch der Mutter nicht an einem Pförtner vorbeizugehen, sondern die Wohnung selbst aufzuschließen. Es ist etwas anderes, die Verhältnisse beeinflussen zu können. Als ich das vorgestellt habe, wurde gesagt: Das kann nicht funktionieren. Die Angehörigen brauchen jemanden, der ihnen hilft, der sie leitet. Der ihnen erklärt, wie das alles funktioniert. Und das war der Tag, der mein Leben verändert hat. 

Mein großer Irrtum war, dass ich anfangs nicht daran geglaubt habe, dass die Angehörigen Hilfe brauchen. Viele sind so taff, ich dachte, die kriegen das schon hin. Aber tatsächlich braucht es die professionelle Hilfe von außen, um die eigene Rolle in dem komplexen System der Wohngemeinschaft finden zu können. Man will ja Teil des Lebens der alternden Eltern sein – aber man muss eben seine Rolle finden. Auch ich musste meine Haltung zum Helfen finden und habe gelernt: Ich bin nicht hier, um anderen meine Hilfe überzustülpen. Ich bin hier, um etwas gemeinsam zu machen. Es gibt nur ein Thema, bei dem ich kiebig werde: wenn ich das Gefühl bekomme, jemand wird nicht mit Würde behandelt. Das ist mir das allerwichtigste. Dabei hilft auch, dass die WGs in die Veedel integriert sind. Dass es Nachbarn gibt, die vorbeischauen, den Vorgarten pflegen, nach Haustieren schauen. Teilweise suchen ältere Leute explizit Wohnungen in den Mehrfamilienhäusern der WGs, weil es sie beruhigt, dass rund um die Uhr ein Pflegedienst da ist. So gibt es einen Austausch zwischen den WGs und dem Drumherum. Ich finde es ganz wichtig, die Themen Pflege und auch Trauer in die Veedel zu bringen, offen damit umzugehen, und auch zu sehen, was die WGs ihrer Umgebung zurückgeben können. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass dieser Sozialstaat nur funktioniert, wenn wir wieder zurück zu gemeinsamer Verantwortung finden.


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