Ich bin Migrantenkind. 1970 ist mein Vater aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen, 1971 wurde ich geboren. Die ersten Jahre pendelte meine Familie noch im Halbjahresturnus zwischen Jugoslawien und Deutschland, seit 1975 leben wir permanent hier. Als ich in die Schule kam, fand ich hier erst mal alles total unordentlich. Alle Kinder hatten Schultüten, so was gab’s bei uns im Sozialismus nicht und ich fragte mich, warum die Nationalhymne nicht gespielt wurde. Wenn du im Sozialismus aufwächst und dann in ein kapitalistisches Land kommt, ist alles erst mal ganz anders. Wie beispielsweise die Eltern mit den Kindern umgehen – den Kindern nicht nur Eltern, sondern auch Freunde sein – so was kannte ich vorher nicht. Dafür war der Sozialismus uns hier in anderen Dingen voraus: Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau beispielsweise. Eine weibliche Polizistin zu sehen, das war in Jugoslawien schon in den 70ern nichts Ungewöhnliches. Hier wäre das zu dem Zeitpunkt nicht denkbar gewesen. Trotz der Fremde habe ich mich hier durch die Schule nach und nach eingelebt. Ich habe Lesen und Schreiben gelernt und meine Lehrerinnen stolz gemacht, denn ich war das erste jugoslawische Kind auf der Schule. Als ältestes Kind der Familie hatte ich es aber auch schwer: Ich musste mir alles selbst beibringen und alles selbst verifizieren, denn da war niemand, der mir gezeigt hätte, wie es geht. Aber ich habe hier das Abitur gemacht und so wurde nach und nach aus einem Einwanderungsland meine Heimat. Meine Eltern meinen immer noch den Süden, wenn sie „zuhause“ sagen. Ich dagegen meine Köln.

Ich bin auf der Bergisch-Gladbacher Straße großgeworden. Wir lebten hier mit Menschen aus Osteuropa, aus der Türkei und natürlich aus Deutschland. Die Nachbarn hatten alle einen guten Kontakt untereinander. Manchmal kam ich von der Schule nach Hause und da saßen 15 Nachbarinnen und haben genäht und sich mit Händen und Füßen unterhalten. Man musste den kleinsten gemeinsamen Nenner finden, um ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln zu können. Wir Kinder dagegen haben überhaupt nicht zwischen den Nationen unterschieden. Wenn wir draußen gespielt haben, haben wir auch Deutsch miteinander gesprochen. Die Wohnqualität war natürlich nicht so gut. Wir hatten 3 Zimmer zu fünft, aber man wollte eben Geld sparen, da immer der Gedanke da war, dass man irgendwann zurückgeht. 1990 war dann klar, dass wir bleiben, und dann sind wir auf die Berliner Straße gezogen. Ich bin immer hier in Mülheim geblieben, all die Jahre. Ich weiß gar nicht genau, warum. Natürlich gibt es hier auch Leute, die in ihrem Leben vielleicht nicht so viel schaffen. Aber ich bin hier aufgewachsen und ich werde hier auch alt werden.


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